Ich heisse Christof Krieg und bin Abiturjahrgang 1984. Nach dem Abitur habe
ich in Kiel Medizin studiert und anschliessend an der Uni-Kinderklinik in
Kiel gearbeitet, bis vom Nordelbischen Missionszentrum der nordelbischen
Kirche eine Anfrage kam, ob ich mir vorstellen koennte, als Arzt im
kirchlichen Entwicklungsdienst nach Papua-Neuguinea zu gehen. Da
Entwicklungsdienst meinen Interessen und Wunschvorstellungen schon lange
entsprach und auch meine Frau Gabriele es mitmachen wollte (selber waehrend
des Dienstes ihrer Eltern in Indien geboren) , sagten wir kurzentschlossen
zu - und haben es noch nie bereut!!
Der erste Vertag ging von 1994 bis 1998, der zweite wird im September 2000
auslaufen. Wir reisten mit unserer 1993 geborenen Tochter Viviane aus und
haben uns noch 1995 um Johannes vergroessert.
Der Entwicklungsdienst ersparte mir dann auch die Notwendigkeit, Wehr- oder
Zivildienst zu leisten.
Aus unseren diversen Rundbriefen und Berichten habe ich Euch etwas
zusammengestellt, womit Ihr hoffentlich einen Eindruck und vielleicht auch
Lust auf so eine Arbeit bekommt. Im Gegensatz zu den meisten anderen
Betaetigungsfeldern gibt es in der Entwicklungshilfe nach wie vor viele
freie Stellen - "...der Arbeiter sind wenige".

Viele Gruesse aus 13500 km Entfernung aus einem Krankenhaus an der Suedsee
unter Kokospalmen,

Euer Christof

Wo wir wohnen:

Finschhafen an der östlichen Nase des Festlandes von Papua-Neuguinea war zu
den Anfängen der deutschen Kolonialregierung in Neuguinea für kurze Zeit die
Hauptstadt. Dann starben zu viele Europäer an der allgegenwärtigen Malaria
und der Regierungssitz wurde erst nach Madang (wo es auch nicht besser war)
und dann nach Rabaul verlegt.
Anders als zur Kolonialzeit ist das heutige Finschhafen eigentlich kein Ort
mehr, sondern eher ein Konglomerat von vielen verschiedenen Dörfern, die
5-50 Kilometer voneinander entfernt sind.
Unser Wohnort Butaweng z. B. besteht nur aus dem 180-Betten-Hospital, den 44
Mitarbeiterhäusern und 2 "Trade Stores". Er liegt an der einzigen
Küsten(sand)straße der Huon-Halbinsel zwischen den Orten Gagidu und Heldsbach.

Das Hospital wurde 1957 für 400 Tuberkulosekranke mitten im Regenwald aus
Stahlrohren und Asbest im klassischen "Missionshospital-Stil" errichtet.
Seit 1976 ist es ein Allgemeinkrankenhaus, seit neuestem sogar "Rural
Hospital". In den 10 verschiedenen Flügeln, die ebenerdig von einem ca. 150
m langen Hauptgang abzweigen, verbergen sich 7 Stationen (mit jeweils ca. 30
Holzpritschen), ein Labor, Operationstrakt mit septischem und aseptischem
Op, Röntgen-Raum, Spezialkliniken für Geschlechtskrankheiten und
Schwangerenvorsorge und Impfungen, eine Intensivstation, Andachtsraum,
Ambulanz, 3 Arztsprechzimmer, Apotheke, Dorfgesundheitshelfer-Schule und
Schule für die Ausbildung von Krankenpflegern.
Auf den Veranden campieren, ähnlich einem Flüchtlingslager, die Angehörigen
der Kranken mit Feuerholz, Schlafmatten und genügend Gemüsevorräten, um
ihren kranken Angehörigen während des Hospitalaufenthaltes zu versorgen. Bei
durchschnittlich 150 Patienten und 2 Angehörigen sind also ständig 450
"Gäste" in unserem "Krankenhaus-Camp".

Unser Privat-Haus auf der anderen Seite des Flusses sieht von außen zwar
schäbig aus, wurde von innen aber grundrenoviert: Ca. 8m x 20m Grundfläche,
Tropenholzfußboden und ein Garten in der Größe eines Parkes sind als
"Highlights" anzuführen. Gewöhnungsbedürftig ist der an Wänden, Leder und
Stoffen unkontrollierbar wuchernde Schimmel, die von der Sonne abhängige
Warmwasserversorgung, Termiten und Riesen-Kakerlaken und das ständige
lautstarke Zirpen der Zikaden und Rauschen des Flusses nahebei.

Im Abstand von ca. 600 m liegt im Süden das Krankenhaus samt der darum
verstreuten Mitarbeiterhäuser, durch den reißenden Fluß "Butaweng" und
dessen Uferbäume von uns getrennt. Der Fußpfad zum Hospital führt über eine
Hängebrücke aus Stahlplatten, die noch aus Weltkriegsbeständen stammen.
Im Westen schlängelt sich die Sandstraße entlang, dahinter ein mit Regenwald
bestandener Hügel. Diese Straße verbindet zwar die Orte der Huon-Halbinsel,
doch um die Halbinsel zu verlassen, sind wir hier auf Schiff oder Flugzeug
angewiesen. Nördlich steht das Haus der anderen deutschen Arztfamilie, von
uns aus hinter drei riesigen uralten Bäumen und Bananen.
Richtung Osten schließlich führt hinter Bananen und Busch verborgen der Fluß
"Mape" am Haus vorbei, auf dem die Südsee nach ca. 600 m mit dem Boot zu
erreichen ist. Im schönen großen Garten muß man aufpassen, daß der
Komposthaufen nicht innerhalb einer Woche zum Urwald wird. Er steht voller
verschiedener Bananensorten, Kokospalmen, Papaya-, Zitronen- und
Orangenbäume sowie Ananas. Auf dem Grundstück stehen zwei alte riesige
schöne Mangobäume, ein Sternfruchtbaum und mehrere Zitronenbäume.

Was wir so tun - ein Krankenhaustag (5.5.1994):

Gegen 7.45 Uhr langsames Eintrudeln der meisten Mitarbeiter zur eigentlich
auf diese Zeit festgesetzten Morgenandacht. Solange gewartet wird (bis
mindestens 8.00 h), wird auch gesungen: Tragende Gesänge von Karkar Island,
die wie das traditionelle Blasen auf Muscheln tönend den Raum erfüllen,
Stammesmelodien mit Pidgintexten, fröhliche Melodien aus dem englischen
Kirchenlied-Schatz und die schwermütigen Lieder der deutschen Lutheraner.
Reihum halten alle Krankenhaus-Mitarbeiter mal die Andacht, gefolgt vom
Bericht der Nachtwachen und allgemeinen Informationen.
Morgens ist das drei Tage alte Frühgeborene der 28. Woche am Atemnotsyndrom
der Frühgeborenen gestorben, was für uns angesichts fehlender
therapeutischer Möglichkeiten nicht unerwartet geschieht, aber mich, mit
ein wenig Pädiatrie in Deutschland in der Vorgeschichte, doch sehr traurig
stimmt .
Montags, mittwochs und freitags macht anschließend jeder Doktor auf seinen
Stationen Visite und anschließend die "Doktor-Sprechstunde". Dienstags und
donnerstags wird vormittags operiert (7-10 Operationen pro Tag), also auch
heute: Leistenbruch reparieren, Blinddarm entfernen, 2 Sterilisationen,
Lymphknoten-Entnahme, Knochenbruch richten, 2 Abszesse spalten, tropisches
Geschwür decken, Entfernung von zwei gutartigen Hauttumoren, Ausschabung
nach Fehlgeburt. Zwar beobachten wir heute eine Ameise, wie sie über das
Bauchtuch in die Bauchhöhle wandern möchte, doch wird im übrigen penibel auf
steriles Arbeiten geachtet, und die Rate postoperativer Infektionen
erscheint mit 2,4 % gering. Die Narkosetechniken sind abgestimmt auf das
Nichtvorhandensein eines Anästhesisten: Lokalanästhesie, Spinalanästhesie,
Ketamintropf/-injektion.
Offizielle Mittagspause (Pidgin: Malolo) ist von 12 bis 13.00 Uhr, aber die
verschiebt sich auch heute wieder um eine Stunde nach hinten.
Zurück um 14.00 Uhr sehe ich mir die neu aufgenommenen Kinder und die
Problem-Patienten auf meinen Stationen an: Ein am Morgen ohnmächtig,
fiebernd und krampfend von der Mutter gebrachter Säugling ist schon von den
Schwestern mit Krampfmedikamenten und intramuskulärem Chinin behandelt
worden- ich bin "wan bel" , d.h. "1 Bauch" auf Pidgin, also einverstanden.
Ein vor 2 Wochen entlassenes vierjähriges Mädchen mit gesicherter
Lymphknotentuberkulose ist mit juckendem Hautausschlag am ganzen Körper
wiedergekommen, wohl eine allergische Reaktion auf eines der Medikamente;
falls wir das Rifampicin weglassen müssen, bedeutet das für das Mädchen 12
statt 6 Monate Therapie und davon zwei Monate täglich eine Spritze.
Dem Jugendlichen mit Tetanus geht es heute wieder besser; zu denken gibt mir
nur die andauernde einseitige Reflexsteigerung und die anhaltend hohe
Temperatur- vielleicht doch anhaltende Tetanuskontraktionen oder
Harnwegsinfekt bei dem lange liegenden Blasenkatheter?? Noch mehrere Kinder
mit Lungenentzündung abhören, die Fieberkurven der vielen Malaria-Kinder
kontrollieren und die beiden Mütter der zwei Säuglinge mit Unterernährung
(Marasmus) zum regelmäßigen Füttern mit der Milch-Öl-Zucker-Mischung anhalten.
Insgesamt sind ca. 30-40 Kinder auf der großen und ca. 15 Kinder auf der
kleinen, der "Kinder-Tb-Station".
Am Nachmittag des gleichen Tages eine Notfall-Operation: Typische Zeichen
der Blinddarmentzündung bei einem neu aufgenommenen 30-Jährigen. Als der
Bauch geöffnet ist, sehen wir, daß der Blinddarm fest mit der Beckenwand in
der Tiefe verbacken ist. Vorsichtig trennen wir die verklebten Gewebe
voneinander, isolieren den Blinddarm, binden und schneiden ihn ab und
versenken den Stumpf. Nur noch den Bauch ausspülen und die verschiedenen
Schichten zunähen - fertig!
Als wir gerade fertig sind und nach Hause gehen wollen, kommt einer der
Dorfgesundheitshelfer (Village Aids) an den Operationssaal. Angereist aus
einem 20 km entfernten, an der Küstenstraße gelegenem Dorf will er uns samt
Ambulanz dorthin zu einer Viertgebärenden mitnehmen, die seit 1 1/2 Tagen
ohne Fortschritte in Geburtswehen läge. Wir packen uns ein Notfallpaket und
alarmieren den Krankenhausfahrer - es dauert 50 Min., bis er kommt.
Mittlerweile im Dunkeln, erleuchtet nur von Mond, Sternen und Hunderten von
Glühwürmchen, brausen wir auf huckeliger Piste zu besagtem Dorf, nehmen
unterwegs noch drei, mit schweren Bilums (auf dem Kopf getragene
Lastennetze) beladene, Frauen mit. Trotz Dunkelheit findet der Fahrer das
Dorf: Hinter Urwaldriesen verborgen sind schemenhaft aus Flechtwerk gebaute,
von Stelzen getragene Buschhütten zu erkennen. Lautstark wird unsere Ankunft
kommentiert und uns mit Petroleumlampen von einer Menschenmenge der Weg
geleuchtet. Wir erfahren, daß das Kind vor ca. einer halben Stunde doch
spontan geboren wurde, aber nach nur einem Atemzug sofort verstorben ist.
Als wir am Haus der betreffenden Familie ankommen, sitzt die Großmutter auf
der kleinen Veranda und wiegt das tote Kind in ihren Armen - es ist schon
kalt. Wir klettern die Stiege hinauf und gehen in das dunkle Haus, wo auf
einer Matte aus Baumblättern auf dem geflochtenen Fußboden in Decken
gewickelt die erschöpfte, verschwitzte Mutter liegt, umgeben von drei
älteren Frauen (traditionelle Geburtshelferinnen?) und - erstaunlicherweise
- dem Ehemann. Puls 130, kaum tastbar; Patientin anämisch und kaum
ansprechbar - also ein Schock; das Kind verstorben an übermäßigem
Geburtsstreß bei zugrundeliegender konnataler Anämie? Zwar haben wir alles
für das Legen einer Infusion Notwendige dabei, aber in der Hütte ist es
einfach zu dunkel. Also erstmal nur die Beine hochlagern und dann die Frau
unter großem Gejohle des gesamten Dorfes (ohne Trage, die wir vergessen
hatten) zum Auto tragen. Beim Rückwärts-Gehen auf der Stiege verpasse ich
eine der weit auseinander liegenden Sprossenstufen und breche mir fast das
Bein - irgendwie fällt aber nicht die Frau. Mit Taschen- und Petroleumlampen
schaffen wir es, ihr im Auto eine Infusion zu legen, die wir mangels
Pflaster (ebenfalls vergessen) während der etwa halbstündigen Rückfahrt
festhalten müssen. Im Hospital ist die weitere Versorgung dann Routine -
Arbeitsende 21 Uhr.


Und hier noch der offizielle Bericht über die Tätigkeit als Arzt beim
"Lutheran Health Service" in Papua-Neuguinea 1994-2000:


1. Aufgabe:

Meine Frau Gabriele, Viviane und ich folgten einem Ruf der neuguineischen
Partnerkirche der nordelbischen Kirche, um dort als Arzt in den lutherischen
Krankenhäusern des Landes mitzuarbeiten. Konkret sollte die Nachfolge der
Lübecker Drs. Winkler am "Braun Health Centre" angetreten werden, doch
wußten wir davon bis zur Einreise nach PNG nur andeutungsweise. Ein Einsatz
eines Übersee-Mitarbeiters war notwendig, weil LHS einheimische Ärzte
fehlen, die gewillt sind, in den entlegenen kirchlichen Krankenhäusern zu
arbeiten (Arztdichte in PNG 6/100.000 Einwohner).

2. Allgemeine Situation:

Trotz der kirchlichen Trägerschaft werden Gehälter und Haushaltszuschüsse
der LHS-Gesundheitseinrichtungen von der Regierung bezahlt. Sämtliche
Verbrauchsgüter und Medikamente sollen gratis über staatliche "Area Medical
Stores" erhältlich sein.
Im Lande gibt es eine Pyramide der medizinischen Versorgung, an deren Spitze
19 Krankenhäuser (mit Ärzten) und an deren Basis 2399 Gesundheitsposten
(Aidposts) stehen.

Unser Übersee-Einsatz fiel in eine Periode zunehmender ökonomischer
Schwierigkeiten für Papua-Neuguinea, wie sich leicht am Verfall des
Wechselkurses des Kina von 1,80 DM im Jahre 1994 auf nunmehr 0,65 DM ablesen
läßt. Die bis dahin für Entwicklungsländer überdurchschnittlich gute
Versorgungs-Situation im Gesundheits-Sektor fiel bis 1997 landesweit auf das
Niveau armer Länder und hat sich anscheinend auf diesem Niveau stabilisiert.
Derzeit stehen pro Jahr und Kopf der Bevölkerung 25,- Kina (ca. 20,- DM) im
staatlichen Gesundheitsbudget zur Verfügung. Medikamente,
Verbrauchsmaterialien und medizinische Geräte werden ausschließlich aus dem
Ausland importiert.
Die staatliche Finanz-Krise 1994 bedeutete zunächst ein Stocken, dann einen
Rückgang der staatlichen Medikamenten-Versorgung, Unzuverlässigkeit der
Lohnzahlungen, unvorhersehbare Kürzungen der Haushaltszuschüsse und seit
1995 Wegfall jeglicher größerer Neuanschaffungen/Ersatzbeschaffungen.

3. Persönliche Chronik:

Zunächst wurde unsere Familie nach Orientierung als Urlaubsvertretung für 5
Monate im Gaubin Hospital auf der Insel Karkar gebraucht. Das
Gaubin-Hospital versorgt etwa 45.000 Einwohner der Inseln Karkar und Bagabag
vor Madang. Wir fanden die administrativen Strukturen (Buchhaltung,
Finanzen, Instandhaltung) dort in desolatem Zustand vor. Neben
Konsolidierungsbemühungen auf diesem Sektor waren 243 Operationen, die
Versorgung von insges. 900 stationären Patienten, wöchentliche
Aidpost-Visiten rund um Karkar und ein Anfang der Krankenhaus-Renovierung
die Früchte dieses Kurz-Aufenthaltes. Für Gaubin sind langfristig 2 Ärzte
und eine Aufstockung der Anzahl qualifizierter Krankenschwestern erforderlich.

Im Dezember 1994 kamen wir endgültig nach Finschhafen und konnten noch 5
Monate vor Ort von Drs. Winkler angelernt werden. Diese Überlappung von
Übersee-Verträgen ist unschätzbar wertvoll zur Vermeidung typischer
Anfängerfehler und zur reibungslosen Fortsetzung der Arbeit. Das gilt ganz
sicher nicht nur für den medizinischen Bereich!
Das Braun Memorial Hospital versorgt neben den 52.285 Einwohnern (1995)
Finschhafens auch den Kabwum-Distrikt mit 42.848 Einwohnern (1995) und die
Siassi-Inselgruppe (11.188 Einwohner 1995). Durch die exzellente Arbeit der
Winklers besaß die medizinische Arbeit in Braun bereits 1994 einen guten Ruf
im Lande.
Der Zustrom an Patienten und auch das Spektrum durchgeführter Operationen,
von einfachen Abszeß-Spaltungen bis zu Prostata-Operationen und
Brustkrebsoperationen, bleibt erstaunlich konstant von Jahr zu Jahr. Etwa
20 % des Patientengutes stammt von außerhalb der FiSiKa-Region. Die
durchschnittliche Liegedauer ist mit 11 Tagen (ohne Berücksichtigung der
Tb-Patienten) deutschen Hospitälern vergleichbar. Braun ist
Ausbildungs-Krankenhaus der Universität in Port Moresby.
Persönlich habe ich in den sechs Jahren insgesamt ca. 3.500 Operationen (bis
1.3.98 genau 2.201 Operationen) durchgeführt und wohl ca. 14.000 stationäre
Patienten behandelt.

1995 wurde Braun zum "Rural Hospital" aufgewertet, womit eine Aufstockung
des Personals und ein Anspruch auf Erweiterung von Infrastruktur &
medizinischen Möglichkeiten verbunden war. Wesentliche Aspekte neben der
klinischen Arbeit waren daher der Ausbau der Krankenhaus-Infrastruktur, um
den Anforderungen an ein "Rural Hospital" gerecht zu werden. Noch immer ist
der Umbau-Prozeß nicht abgeschlossen, doch sollen im folgenden die bereits
abgeschlossenen Projekte mit dem Jahr ihrer Durchführung aufgelistet werden:
- 5+3 Mitarbeiter-Häuser 1995+1998
- Leichen-Kühlkammer 1995
- Blutbank mit Screening für HIV- & Hepatitis B und          Blutspende-Service 1995
- Sonographie und EKG 1995+1996
- Incinerator 1996
- Aufbau einer Intensiveinheit 1999
- Erweiterung der Labordiagnostik 1996- lfd
- Neue Telefonanlage 1996
- Ophthalmologische Sprechstunde 1996
- Apparative Narkose-Überwachung und Anästhesie-Maschine      1996+1997
- EDV-Buchhaltung 1997
- Studenten-Wohnheim 1997
- Strahlengeschützte Röntgenräume 1997
- Physiotherapie-& Rehabilitations-Einheit 1997
- Komplett-Erneuerung der Elektroinstallationen 1998
- Ambulanzgebäude für Frauen- & Geschlechtskrankheiten          1998
- Regelmäßige Weiterbildung von Mitarbeitern (1994-lfd.)     und Aidposts
(1997-lfd.)
- Erneuerung der Wasserversorgung 1999
- Neuer Zentral-Sterilisator 2000

4. Dimensionen der medizinischen Arbeit:

Kirchliche Hospitäler zeichnen sich i Gegensatz zu staatlichen Einrichtungen
durch Zuverlässigkeit und höheres Engagement ihrer Mitarbeiter aus,
unterstützt von einem Backup ausländischer Hilfsorganisationen.
Regelmäßige "Patrols" und Gesundheitsarbeit im Busch sind die Domäne der
kirchlichen Gesundheitsdienste in PNG. Etwa 85 % der ländlichen
Gesundheitsversorgung werden von den Kirchen getragen.
Eine optimale medizinische Versorgung ist schon aufgrund der schwierigen
Geländebedingungen, aber auch aus Kostengründen nicht möglich. So gibt es im
ganzen Land weder Dialysemöglichkeiten, Computertomographie oder
Neurochirurgie; Dermatologen oder Orthopäden sucht man vergeblich;
Organtransplantationen sollen sogar ausdrücklich gesetzlich verboten sein.
Bereits aus diesen Zwängen heraus muß die Hauptaufgabe jeder medizinischen
Arbeit in PNG die Stärkung von Prävention und Früherkennung sein.

Nach wie vor sind traditionelle Heiler auf den Dörfern mit gemischt
naturheilkundlichen und spirituellen Verfahren die erste Anlaufstelle für
die meisten Patienten in ländlichen Gebieten. Deren Rolle in der
Primärversorgung muß daher folgerichtig ernstgenommen und diskutiert werden:
Einerseits stehen sie dem Konzept der Früherkennung im Wege, denn durch sie
werden insbesondere häufig Krebs-, Tuberkulose- und
Herz-Kreislaufkrankheiten verschleppt, bis sie von einem potentiell
heilbaren in ein unheilbares Stadium übergegangen sind.
Andererseits sind sie in nahezu jeder Dorfstruktur vorhanden, besitzen
Vertrauen und Zugang zum Denken gerade der einfachen Menschen mit
ängstlicher Distanz zur westlichen Medizin.
Traditionelle Heiler können daher der ideale Transmissionsriemen sein für
die Implementation von Prävention- & Früherkennungsmaßnahmen in den Dörfern.
Es ist daher insbesondere in ländlichen Gebieten, wie z.B. Finschhafen,
erforderlich, in den Dialog mit ihnen zu treten, Weiterbildung und
Zusammenarbeit anzubieten.
Ein behutsamer Anfang ist notwendig, denn in einer jungen Kirche stößt ein
derartiger Dialog mit den alten, vorchristlichen, Kräften zunächst auf
Unbehagen und Widerstand. Wir haben in Braun bereits sehr vorsichtig damit
begonnen und halten gemeinsame "workshops" ab.

Bei der Zusammenarbeit mit den traditionellen Hebammen ist aber dieser
Brückenschlag bereits gelungen: Fortbildungskurse in westlicher Medizin
werden in Braun angeboten und gerne genutzt, die Überweisungsrate von
Schwangerschaftskomplikationen im Frühstadium ist spürbar gestiegen.

Die hauptsächlichen Gesundheitsprobleme der ländlichen Bevölkerung können
(bedingt) den veröffentlichten Statistiken entnommen werden:
- Lungenerkrankungen (statistisch 22 % aller Todesfälle,     darunter
Tuberkulose gemeldet mit 140/100.000,         hohe Dunkelziffer)
- Malaria (13%, auf Aidpost-Ebene eher          überdiagnostiziert)
- mangelnde Familienplanung (fast 5 Geburten pro Frau,          2,3 % jährl.
Bevölkerungswachstum)
- hohe Neugeborenen-Sterblichkeit (82 auf 1000          Neugeborene)
- hohe geburtenbedingte mütterliche Sterblichkeit (8-20     auf 1000)
- Knochenbrüche & Verletzungen
- Krebserkrankungen (3 %, aber häufig nicht          diagnostiziert).

Das Krankheits-Spektrum am Braun Memorial Hospital weicht von diesen
landesweit erhobenen Durchschnittszahlen etwas ab: Malaria 9 %, Tuberkulose
8 %, andere Lungenerkrankungen 10 %, Anaemien 6 %, Trauma 7 %,
Darmkrankheiten 6 %, geburtshilfliche Komplikationen 3 %,
Harnwegs-/Geschlechtskrankheiten
11 %, Herz-Kreislauferkrankungen 3 %, Krebserkrankungen 3 %.
Unter den Todesursachen nimmt die Tuberkulose eine führende Stellung ein.
Die Sterblichkeits-Statistik erlaubt im Zusammenhang mit einer Übersicht der
zur Aufnahme führenden Erkrankungen (vorsichtige) Rückschlüsse auf die
Bedrohlichkeit einer Erkrankung oder die Qualität der medizinischen Versorgung:
So machen z. B. Krebs-Erkrankungen weniger als 3% unter den stationären
Patienten aus, sind aber zu 8,6 % an den Todesursachen beteiligt.
Tuberkulose stellt sich als bedrohliche, häufig zum Tode führende Erkrankung
dar.

Die oben angeführte Notwendigkeit der Orientierung auf
Prävention/Früherkennung in Verbindung mit den vorgefundenen, existenten
Gesundheitsproblemen führte im Laufe der Arbeitsperiode zu weiteren
Arbeits-Schwerpunkten:

a. Im Einzugsgebiet des Krankenhauses werden die größeren "Health Centres"
in Kabwum, Indagen, Derim, Etep, Menyamya und Siassi einmal jährlich von
unserem Operations-Team besucht. Vor allem Sterilisationen, Biopsien,
elektive (Leisten-)Bruch-Operationen können vor Ort durchgeführt werden und
in der ebenfalls angebotenen ärztlichen Sprechstunde können schwerwiegende
Erkrankungen frühzeitig erkannt werden.

b. Die hohe Durchseuchung bestimmter Gebiete mit Tuberkulose erfordert
jährliche Patrouillen in die betroffenen Gebiete zur Kontrolle der
ehemaligen Patienten, Screening der jeweiligen Familien und Implementation &
Überwachung neuer Therapie-Richtlinien bei den zuständigen Aidposts und
Health Centres. 1997 begannen wir mit der Einführung von DOTS (Directly
observed treatment short-course) zur Tuberkulose-Behandlung im
Finschhafen-Bereich.

c. Behinderungen und Erkrankungen des Muskel- & Skelettapparates sprechen
auf regelmäßige Krankengymnastik sehr gut an. Ein Team von 3 engagierten &
im Schnellverfahren ausgebildeten KrankenpflegerInnen bringt den Patienten
die relevanten Übungen auf unserer Physiotherapie- & Rehabilitations-Station
bei. Nach Entlassung sollen die Übungen im Dorf fortgesetzt werden. Unser
Team besucht die Patienten dort anschließend in vierteljährlichen Abständen.

d. Regelmäßige Seminare für die Gesundheitsarbeiter in den Aidposts sollen
deren Wissen auffrischen, bzw. auf den neuesten Stand bringen. Auch dies ist
ein wichtiger Beitrag zur verbesserten Früherkennung von Erkrankungen.

5. Perspektiven und gegenwärtige Arbeits-Schwerpunkte:

a. Fortsetzung der Infrastruktur-Verbesserungen im Hospital:
Endoskopie-Einheit, Bau von 2 Doktor-Häusern
b. Fortbildungskurse für traditionelle Heiler
c. Ausweitung der Operations-Camps in neue Regionen
d. Sicherung der Logistik (Medikamente, Gelder) für BMH     und die Health
Centres der Region
e. Intensives Follow-up der TB-Patienten, DOTS,          Familien-Screening und
Früherkennung angesichts     steigender HIV-Infektionen in PNG.
f. Aufklärungs-Kampagne über die Zusammenhänge von          HIV-Infektion, STD und Tbc
g. Einbindung einheimscher Ärzte in die Verantwortung          für Braun M.
Hospital; dadurch bei steigender          klinischer Leistungsfähigkeit
gleichzeitig         Fortsetzung und Ausbau der Weiterbildung         traditioneller
Hebammen, von Aidposts und          Krankenhauspersonal; regelmäßige Besuche in
Health Centres und Aidposts der Region.

7. Familiäre Situation:

Unsere Familie hat sich während dieser & Jahre in Neuguinea sehr wohl
gefühlt. Am 11.1995 vergrößerte sich unsere Familie um unseren im BMH
geborenen Sohn Johannes-Daniel.
Wegen der großen kulturellen Unterschiede ist es sehr schwer, unter den
Neuguineern Freunde in unserem Sinne zu finden und das soziale Netzwerk aus
anderen Weißen ist daher fuer das persönliche Wohlergehen sehr wichtig.
Gabriele kümmert sie sich um den Erwerb und Vertrieb (vor Ort und nach
Übersee) von Schnitzereien von den Finschhafen vorgelagerten Tami-Inseln.
Ein Informationsblatt über diese Schnitzkunst wurde erstellt.

Die zweimal 4 Monate als einziger Arzt am BMH waren natürlich jeweils,
insbesondere durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, psychisch und
physisch sehr belastend. Gegenwärtig sind zwei von vier Arztpositionen im
Krankenhaus besetzt. Die Besetzung von bereits einer Stelle mehr könnte
entlastend wirken und zusätzliche kreative Potentiale freisetzen.

Wir haben uns durch die entsendende nordelbische Kirche, repräsentiert durch
das Nordelbische Missionszentrum (NMZ), immer gut unterstützt gefühlt.
Insbesondere die Entsendung von zwei Kurzzeit-Ärzten in Zeiten akuter
Personalnot war sehr wertvoll.

Trotz der im Lande Papua-Neuguinea insgesamt angespannten Sicherheitslage
(hohe Rate an Überfällen, Einbrüchen, Vergewaltigungen, Diebstählen...)
fühlten wir uns in Finschhafen eigentlich sicher, bis wir im Oktober 1995
überfallen wurden. Das dabei zerstörte Vertrauen wurde nur langsam über die
folgenden 4 Jahre wiederaufgebaut. Unsicherheit und Unwohlsein erfaßten uns
auch auf dem Höhepunkt der "Sandline"-Krise 1997, einer Revolte der
Militärführung gegen die gewählte Regierung wegen der Anmietung von
südafrikanischen Söldnern zur militärischen Lösung des Bürgerkrieges um die
Insel Bougainville.

Bis auf eine Netzhautablösung rechts im November 1994 und zweimaliger
Malaria tropica bei Viviane, einmal bei Johannes, blieben wir in diesen 6
Jahren von ernsthaften Gesundheitsproblemen verschont.

Ein Familienalltag von Gabriele:

Um 6.30 - etwa eine halbe Stunde nach Helligkeitsanbruch - piept der Wecker
und wir quälen uns aus den Baumwollschlafsäcken; etwa zur gleichen Zeit
hören wir die ersten Geräusche von Viviane; Johannes ist Langschläfer und
wird ml wieder das Frühstück mit Papa verpassen.
Für die Morgendusche gibt es nur warmes Wasser, wenn am Tag zuvor die Sonne
die Solaranlage auf dem Dach angeheizt hat oder wir - jetzt in der Regenzeit
- den elektr. Wasserheizer angeschaltet haben.
Der gedeckte Frühstückstisch - ebenso wie Mittags- und Abendessentisch -
ähnelt eigentlich unserem in Kiel: Toast, das es als einziges "Brot" nur im
10km entfernten Hauptort Finschhafens "Gagidu" zu kaufen gibt, PNG-Kaffee
(wird in großen Mengen auch nach Deutschland exportiert), Milch aus
Milchpulver (australisch), Margarine aus der Dose (austr.), Butter
(neuseeländisch), Käse (austr. und holländisch!), PNG-Honig,
Chocolate-Peanut butter, hausgemachte Guavenmarmelade, selbstgemachter
Joghurt und - natürlich - Vegemite!! Außer dem "Brot" und dem Hausgemachten
kommen alle Produkte aus dem Großeinkauf ("Hol Sel") in Lae.
Wenn Christof dann zum Krankenhaus aufgebrochen ist, beginnt Gabriele
möglichst bald, solange es noch nicht so heiß ist, mit Viviane den
deutschsprachigen Fernschulunterricht der ersten Klasse: Deutsch, Mathe,
Sachkunde (die Vögel im Winter...).
Danach Waschen mit einer typisch australischen Twin Tub-Waschmaschine:
Alles, was sie kann, ist Umrühren der Wäsche im Wasser , abpumpen und - nach
umladen in's zweite Fach- schleudern. Ist die Wäsche dann endlich
aufgehängt, fährt Gabriele manchmal mit den Kindern mit unserem
4-wheel-drive "Toyota HighLux" nach Gagidu, um z.B. die Butaweng-Post zu
holen, eine etwas größere Obst- und Gemüseauswahl auf dem Markt zu haben als
auf dem Mini-Butaweng-Markt oder Dinge wie "Brot" zu kaufen. In Gagidu sind
die Kinder daran gewöhnt, Aufsehen zu erregen: Die Neuguineer grüßen
freundlich "Moning", einige Kinder laufen ein Stück Weg mit; ein besonderer
Anreiz ist es besonders für junge Frauen, Viviane oder Johannes einmal
anzufassen, ihre weichen Haare zu fühlen (im Gegensatz zu ihren eigenen
drahtigen Kraushaaren) und ihre feisten Beinchen einmal zu umfassen -
"Naispela Baby!" Auch hier ist Unterernährung die Ausnahme, wenn auch sehr
viel häufiger als in Europa.
Wenn Gabriele nicht nach Gagidu fährt, muß z.B. der schöne lackierte
Holzfußboden im ganzen Haus gefegt und gewischt werden, denn es sind
schließlich immer alle Fenster offen, und wo Krümel liegen bleiben, sind
wenig später Ameisenstraßen. Oder sie näht, spielt mit den Kindern oder
erledigt sonstige Hausarbeiten, wie z.B. die Eis- und Joghurtproduktion.
Mittagessen und Abendbrot werden von den meisten "Expats" hier ausgetauscht,
weil es mittags einfach zu heiß ist für eine warme Mahlzeit.
An den Nachmittagen geht dann die ganze Familie zusammen in den
Butaweng-Pool, der an einer der vielen Wasserfallstufen des Flusses liegt
und von den Amerikanern im Weltkrieg so tief gesprengt wurde, daß man vom 2m
hohen Wasserfall kopfüber in das 4m tiefe Wasser springen kann. Aber lange
dürfen wir uns leider nicht in der lauen Spätnachmittagsluft aufhalten, da
um 5 Uhr die Malaria-Mückenzeit beginnt, die bis in die Dunkelheit um 7 Uhr
anhält.
Nach dem mehr oder weniger gemeinsam gekochten Abendessen wird der Abend
meist gar nicht mehr sehr alt, da das Klima uns doch recht anstrengt und wir
nicht, wie viele Expats, einen Mittagsschlaf halten können. Vor dem
Schlafengehen werden noch die Wärmelampen in den Schränken angeschaltet, um
dem Schimmel jedenfalls dort keine Chance zu geben, und der Wecker für den
nächsten Morgen gestellt.




Dr. Christof Krieg et al.